War frĂŒher alles besser?

Ursula hat mir geschrieben und ich fand das echt mega. Daher habe ich mir die Zeit genommen, ihr auch ausfĂŒhrlich zu antworten. Vielleicht magst du hier mitlesen und mir auch deine Meinung dazu hinterlassen.

Die Mail von Ursula

„Hallo ihr Lieben!

Euer Video hat mir gut gefallen und alles macht Sinn. Ich hatte vor 30 Jahren Hunde, einen Berner-NeufundlĂ€nder-Mix nebst einen Berner-SchĂ€ferhund-Mix. Leider waren die letzten Jahre aus beruflichen GrĂŒnden hundelos.

Die Zeit ohne Hund konnte ich als Hundesitter bei Freunden oder Nachbarn ĂŒberbrĂŒcken. Leider hatten die alle nicht wirklich ein alltagstaugliches Verhalten.

Jetzt geht’s dann in die Rente, und ich möchte dann wieder meinen Hund. Es wĂ€re alles perfekt: EG-Wohnung mit Garten auf dem Land, keine Kinder, ruhige Ungebung, Zeit und Tagesstruktur, alles da, nur ich trau mich fast nicht mehr mir nen Hund zu holen.

Was mich erstaunt, ist die Tatsache, daß es gefĂŒhlt zu 90% gestörte Hunde und jede Menge unwissende Halter gibt.

Ich möchte gerne einen Hund aus dem Tierheim oder Tierschutz aufnehmen. Aber gerade in Social Media KanÀlen finde ich fast nur Stories, welche Schwierigkeiten es mit diesen Hunden geben soll.

Als ich meine zwei „Dicken“ incl. zwei kleine Kinder hatte, hatte ich diese Probleme, von denen ich jetzt lese und höre nicht. O.k. lag vielleicht auch an der Rasse. Die Hunde lebten einfach mit und bei uns, wußten was sie durften und was nicht, konnten Sitz, Platz, Aus und der Name wurde von Anfang an positiv verknĂŒpft. Ich mußte nie panikartig „hiiier“ oder Nein schreien. Name war immer, „komm zu Mami 😉 und bleib solange bis sie „lauf“ sagt oder die Hand nach vorne bewegt.

Sagt mal, hat sich da in den letzten Jahren so viel geĂ€ndert? Ich sehe nur noch Konditionierung, Programme zum Thema Leinenaggression, reaktive Hunde, Bindungsprobleme usw…

Woran liegt’s, haben wir zu viele Hunde in Deutschland oder zuviele Halter die nicht wissen, was es heißt einen Hund zu haben. Was denkt Ihr, ist es eine gute Idee, sich noch einen Hund zu holen, wenn’s anscheinend nur Probleme macht?

Liebe GrĂŒĂŸe! Ihr macht echt ne super Arbeit. Ursula“

Meine Antwort

Liebe Ursula,

was fĂŒr eine wundervolle Nachricht. Danke fĂŒr deine offenen, ehrlichen und nachdenklichen Worte. Beim Lesen war sofort spĂŒrbar, wie tief deine Verbindung zu Hunden reicht, wie klar dein Blick ist und wie groß dein Herz fĂŒr diese Tiere ist. Deine Worte treffen genau einen Punkt, ĂŒber den auch wir oft sprechen: Hat sich wirklich so viel verĂ€ndert oder hat sich nur unser Blick verĂ€ndert?

Lass uns das gemeinsam ein wenig entwirren. Ich nehme dich jetzt mit auf eine kleine Reise, zurĂŒck in die Zeit deiner zwei „Dicken“, zurĂŒck in die Welt, wie sie einmal war und hinein in die Welt, wie sie heute aussieht.

Damals war das alles
 einfacher?

Du hattest zwei große Hunde. Ein Berner-NeufundlĂ€nder-Mix und ein Berner-SchĂ€ferhund-Mix. Und zwei kleine Kinder. Und du sagst selbst: „Die Hunde lebten einfach mit und bei uns.“

Genau dieser Satz ist der SchlĂŒssel. Denn: Hunde lebten damals nicht nur bei uns, sie lebten mit uns. Und zwar ganz selbstverstĂ€ndlich. Sie waren Teil des Familienlebens, liefen einfach mit. Ohne große TrainingsplĂ€ne, ohne Klicker, ohne 30 BĂŒcher ĂŒber Hundepsychologie. Und ganz sicher auch ohne Social-Media-Diskussionen ĂŒber „Ressourcenaggression“ und „ReaktivitĂ€t“.

Stattdessen war da ein gemeinsamer Alltag. Es wurde zusammen gelebt. Zusammen gearbeitet. Zusammen gelernt. Der Hund war nicht ProjektionsflĂ€che fĂŒr unsere eigenen unerfĂŒllten WĂŒnsche oder Ängste – er war einfach
 da. Geliebt. Und gehalten. Und genau dieses „gehalten werden“ macht oft den Unterschied.

Was ist passiert?

Jetzt stellst du dir die Frage: „Was hat sich verĂ€ndert?“

Und ganz ehrlich: Es hat sich nicht nur der Hund verÀndert. Es hat sich unsere Welt verÀndert. Und zwar rasant.

FrĂŒher gab es weniger Reize. Weniger LĂ€rm. Weniger Menschen. Weniger Verkehr. Weniger KomplexitĂ€t. Und Hunde durften oft noch mehr Hund sein. Sie waren draußen, sie arbeiteten mit uns, sie durften sich mit anderen Hunden reiben, auseinandersetzen, lernen, wachsen, klar werden.

Heute dagegen:

‱ 
 leben viele Hunde in reizĂŒberfluteten StĂ€dten.
‱ 
 dĂŒrfen Hunde kaum noch echte Sozialkontakte pflegen.
‱ 
 werden sie oft ĂŒberbehĂŒtet und gleichzeitig ĂŒberfordert.
‱ 
 wissen viele Menschen gar nicht mehr, was Hunde wirklich brauchen.

Und vor allem: Heute reden wir mehr ĂŒber Probleme. Nicht weil es mehr Probleme gibt, sondern weil wir eine Welt geschaffen haben, in der jeder Fehler gleich sichtbar ist, kommentiert wird und analysiert werden muss.

Willkommen in der Hundebubble

Du sprichst es selbst an, liebe Ursula: In Social Media scheint es nur noch Probleme zu geben. Jeder Hund ist „reaktiv“, „unsicher“, „aus dem Tierschutz“, „traumatisiert“. Jeder Mensch scheint permanent ĂŒberfordert. Alles wird pathologisiert, verkompliziert und mit dem Label „Problemhund“ versehen.

Und ja – das ist oft nicht fair.

Denn da draußen sind unzĂ€hlige wundervolle Hunde. Auch im Tierschutz. Auch in Tierheimen. Auch in Pflegestellen. Hunde, die einfach nur Menschen brauchen, die ihnen ein echtes Zuhause geben. Die keine Perfektion erwarten, sondern ein Miteinander. Die keine endlosen Trainerstunden buchen, sondern eine klare, liebevolle, verlĂ€ssliche FĂŒhrung leben. So wie du das gemacht hast.

Es gibt sie noch – die ganz normalen Hunde

Was du beschreibst – das sind die „einfachen“ Hunde. Die Hunde, die nicht auffallen. Die, die ganz selbstverstĂ€ndlich im Alltag funktionieren. Die einem Blick folgen, einer Handbewegung, einem ruhigen „Komm mit“.

Sie sind nicht weg. Sie sind nur leiser geworden im LĂ€rm der Probleme.

Denn natĂŒrlich ist es möglich, heute noch mit einem Hund so zu leben wie frĂŒher. Es braucht nur etwas mehr Bewusstheit. Mehr Achtsamkeit. Mehr Auswahl. Und manchmal auch die Bereitschaft, sich von der großen Social-Media-Dogmatik ein wenig zu lösen.

Der Tierschutzhund: Eine Frage des Herzens – und der Augen

Du möchtest einem Hund aus dem Tierschutz ein Zuhause geben. Und das ist eine wundervolle Idee.

Ja, viele Hunde aus dem Ausland bringen Unsicherheiten mit. Ja, manche haben schlechte Erfahrungen gemacht. Und ja, es gibt auch Pflegestellen, die ĂŒberfordert sind. Aber das bedeutet nicht, dass jeder Tierschutzhund „gestört“ ist. Genauso wenig wie jeder Zuchthund ein Musterknabe ist.

Was du brauchst, ist kein Konzept. Sondern einen Blick. Einen aufmerksamen, wachen, ehrlichen Blick. Ein BauchgefĂŒhl. Und dann den richtigen Hund.

Vielleicht ist es der, der dich nicht sofort anspringt. Sondern der ruhig hinten im Zwinger sitzt, dich beobachtet. Vielleicht ist es der, der einen Schritt zurĂŒckgeht, wenn du kommst, aber dir trotzdem nicht aus den Augen lĂ€sst. Vielleicht ist es der, der keine Show macht, sondern einfach wartet. Auf dich.

Die wichtigste Zutat bist du selbst

Liebe Ursula – du brauchst dir keine Sorgen machen, ob du mit 60, mit 65 oder mit 70 noch einen Hund halten kannst. Solange du bereit bist, da zu sein, wirklich da zu sein, wird der Hund dich lieben. Und zwar bedingungslos.

Du hast etwas, was viele Menschen heute nicht mehr haben:

‱ Erfahrung.
‱ Ruhe.
‱ Klarheit.
‱ Und ein echtes Herz fĂŒr Hunde.

Du brauchst keinen Clicker, keinen 8-Wochen-Plan, keine Angst vor Hundebegegnungen. Du brauchst nur wieder das Vertrauen, dass du mit deinem Hund genau das tun kannst, was du frĂŒher getan hast: Leben. Lernen. Lieben.

Und ja, du darfst

Du darfst dir wieder einen Hund holen.

Trotz Social Media.
Trotz Leinenaggression.
Trotz ĂŒberfĂŒllter Tierheime.
Trotz all der Stimmen, die dir einreden wollen, dass es zu schwer ist.

Du darfst dir wieder einen Hund holen.

Weil du weißt, wie es geht.
Weil du bereit bist.
Weil du Herz hast.
Und weil es da draußen einen Hund gibt, der genau auf dich wartet.

Vielleicht hat er eine krumme Rute. Vielleicht hat er ein trauriges Gesicht. Vielleicht kennt er noch nicht mal seinen Namen. Aber vielleicht ist genau das dein Hund.

Zum Schluss ein kleiner Gedanke

Wir hören oft: „FrĂŒher war das einfacher.“

Vielleicht war es nicht einfacher. Vielleicht war es einfach nur echter.

Und vielleicht dĂŒrfen wir heute – trotz allem Gerede – wieder dahin zurĂŒckfinden. In eine Welt, in der Hunde nicht durchgestylt, analysiert und korrigiert werden – sondern verstanden.

So wie du das damals getan hast.
So wie du es heute wieder tun kannst.
Und so wie wir es jeden Tag versuchen.

Wir danken dir von Herzen fĂŒr deine Worte. FĂŒr deine Sichtweise. FĂŒr deine Menschlichkeit. Und falls du magst: Wir begleiten dich sehr gerne auf diesem Weg zurĂŒck ins Hundeleben. Mit ganzem Herzen.

Alles Liebe – und hoffentlich bis bald


Herzliche GrĂŒĂŸe – Kai Hartmann


FAQ: War frĂŒher alles einfacher mit Hunden?

1. Haben sich Hunde wirklich so stark verÀndert oder eher unsere Welt?
Hunde sind im Kern noch die gleichen wie frĂŒher. Was sich verĂ€ndert hat, ist unsere Umgebung. Es gibt viel mehr Reize, dichteres Verkehrsaufkommen, mehr LĂ€rm und weniger Gelegenheiten fĂŒr echten Freilauf oder natĂŒrliche Sozialkontakte mit anderen Hunden. Auch wir Menschen stehen stĂ€rker unter Druck. Das beeinflusst Hunde spĂŒrbar und macht Herausforderungen sichtbarer. Besonders in den sozialen Medien rĂŒcken Probleme heute viel stĂ€rker in den Mittelpunkt.

2. Gibt es heute wirklich mehr Problemhunde als frĂŒher?
Es wirkt oft so, aber viele Schwierigkeiten gab es schon immer. FrĂŒher wurden sie nur weniger thematisiert. Heute sprechen wir offen ĂŒber Unsicherheiten, Angst, Leinenstress oder schlechte Erfahrungen. In sozialen Medien wirken Probleme dadurch riesig, weil sie am lautesten geteilt werden. Die vielen unauffĂ€lligen, gelassenen Hunde tauchen kaum auf – dabei gibt es sie natĂŒrlich weiterhin.

3. War das Zusammenleben mit Hunden frĂŒher wirklich einfacher?
Es fĂŒhlte sich vor allem natĂŒrlicher an. Hunde waren stĂ€rker in den Alltag eingebunden. Sie liefen einfach mit, ohne TrainingsplĂ€ne, Apps oder stĂ€ndige Online-Diskussionen. Man hat gemeinsam gelebt, statt stĂ€ndig zu analysieren. Weniger Ablenkung durch Smartphones und mehr echtes Miteinander schaffen automatisch das GefĂŒhl von Einfachheit.

4. Macht Social Media die Hundewelt komplizierter?
In gewisser Weise ja. In sozialen Netzwerken bekommt fast jedes Verhalten sofort einen Namen. Reaktiv, Ă€ngstlich, traumatisiert oder unsicher – Begriffe sind schnell gefunden. Das kann helfen, wenn man etwas verstehen möchte, doch es kann auch Angst auslösen. Wer nur Problemgeschichten sieht, glaubt irgendwann, normale Hunde seien selten. Es ist wichtig, bewusst zu wĂ€hlen, welchen Stimmen man folgt.

5. Kann man heute noch so mit einem Hund leben wie frĂŒher?
Ja, ganz klar. Es braucht lediglich etwas mehr Bewusstheit. Wenn du einen Hund wĂ€hlst, der zu dir passt, ihm klare und liebevolle Orientierung gibst und euren Alltag wirklich miteinander gestaltest, kann das Zusammenleben genauso entspannt sein wie frĂŒher. Es geht nicht darum, Perfektion zu erreichen, sondern NĂ€he, Struktur und Vertrauen zu leben.

6. Sind Hunde aus dem Tierschutz besonders schwierig?
Nicht unbedingt. Manche bringen schwierige Erfahrungen mit, andere sind erstaunlich stabil und unkompliziert. Genau wie bei Hunden vom ZĂŒchter gibt es sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Entscheidend ist, den einzelnen Hund wirklich anzuschauen. Wie er sich verhĂ€lt, wie er kommuniziert, wie er Stress zeigt oder abbaut. Der Blick auf das Individuum zĂ€hlt, nicht das Etikett.

7. Woran erkenne ich, ob ein Tierschutzhund zu mir passt?
Achte weniger auf Mitleid und mehr auf echtes Zusammenspiel.
Wichtige Fragen sind zum Beispiel:

  • Interessiert sich der Hund grundsĂ€tzlich fĂŒr Menschen?
  • Kann er sich nach einem Schreck wieder beruhigen?

Stell dir vor, wie sich der gemeinsame Alltag anfĂŒhlen wĂŒrde. Lass dir Zeit, triff den Hund mehrmals und hör auf dein BauchgefĂŒhl. Ein ehrlicher Eindruck ist wertvoller als jede Beschreibung im Internet.

8. Bin ich im Rentenalter zu alt fĂŒr einen Hund aus dem Tierheim?
Ganz sicher nicht. Entscheidend ist, wie es dir körperlich und mental geht und was du leisten kannst. Viele Hunde genießen einen ruhigen, geregelten Alltag bei Menschen, die viel Zeit haben. Erfahrung, Gelassenheit und Klarheit sind enorme StĂ€rken – und genau das bringst du im höheren Alter oft reichlich mit.

9. Brauche ich moderne Trainingsmethoden, Apps oder Programme?
Nein. Sie können hilfreich sein, aber sie ersetzen nicht das Wesentliche. Hunde brauchen vor allem:

  • Klarheit in den Regeln
  • Eine verlĂ€ssliche Bezugsperson
  • Deutliche und ruhige Körpersprache

Dazu Bewegung, Ruhe und NĂ€he. Wenn diese Basis stimmt, sind moderne Tools nur ein optionales Extra.

10. Ist es heute ĂŒberhaupt noch sinnvoll, sich einen Hund zu holen?
Ja, unbedingt, wenn du bereit bist, deinen Alltag wirklich mit einem Hund zu teilen. Probleme entstehen selten zufĂ€llig, sondern durch Zeitmangel, Unsicherheit oder falsche Erwartungen. Wer wie du Erfahrung, Herz und Engagement mitbringt, kann einem Hund – gerade einem aus dem Tierheim oder Tierschutz – ein wundervolles Zuhause schenken.

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